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Mut zur Wut

Was möchte ich beschützen?

Konflikte eskalieren nicht nur, weil wir unsere Wut ausleben und dabei Grenzen überschreiten, sondern auch, weil wir sie verleugnen.

Wir zeigen unsere Wut oft nicht aus Angst, dass die anderen sich von uns abwenden. Wir verleugnen Wut auch, um die Harmonie zu wahren, denn die meisten von uns wollen Frieden und Ruhe. Die treibende Kraft hinter einem Konflikt ist daher oft eine unterdrückte Wut. Ihr gegenüber steht die gelebte Wut, die ebenfalls einen Konflikt eskalieren lässt. Sie trennt uns von den anderen. Gelebte Wut verführt uns zu einem Machtspiel, bei dem es um gewinnen und verlieren geht. Sie bringt uns in einen körperlichen Rauschzustand, der uns innerlich beunruhigt. Sie wird bei ständiger Wiederholung auch eine innere Haltung, die uns in immer mehr Alltagssituationen von innen heraus kontrolliert: Wut wird zur Gewohnheit und zur Lebenseinstellung.

Wenn also beides nicht sinnvoll ist – weder die unterdrückte noch die gelebte Wut – was sollen wir dann mit ihr tun? Im Folgenden werden wir sehen, dass Wut vor allem eins ist: ein Schutzmechanismus.

1. Die Botschaft der Wut

Wie viele von uns schämen sich für die eigene Wut? Gerne verleugnen wir sie aus Scham oder wir steigern uns rabiat in eine Opferrolle hinein, um unsere Wut zu rechtfertigen. Wir schämen uns auch für die Bedürftigkeit hinter unserer Wut. Und wir haben Angst, die Kontrolle zu verlieren, wenn wir unserer Wut eine Bühne geben und regelrecht blind vor Wut werden.

Doch Wut möchte uns, wie alle anderen Gefühle auch, eine wichtige Botschaft vermitteln. Und sie wird sich erst auflösen, wenn wir ihr zuhören. Die tiefe Botschaft der Wut ist jedoch nicht immer so offensichtlich, wie wir denken. 

Welche Botschaft hat Ihre Wut also für Sie? Hören Sie scham-los in sich hinein!
Sprechen Sie – ganz für sich alleine – mutig Ihre Wut aus!

2. Konflikt: Der Empfänger meiner Wut

Wut ist in der Regel eine Reaktion auf etwas in mir oder außerhalb von mir. Ich bin wütend auf dich: gemeint ist entweder eine andere Person oder sogar ich selbst. Oft richtet sich die Wut nämlich auch gegen uns selbst.

Gerne suchen wir einen Träger als Auslöser der eigenen Wut: den anderen/die andere. Wer hat, wem, was, wie angetan? Wut geht daher oft mit der Schuldfrage einher. Wer muss bestraft werden?

In der Regel ist es gewinnbringend, den eigenen Anteil im Konflikt zu betrachten. Diese Betrachtung hat nichts mit einer Schuldfrage zu tun. Es geht nur darum zu erkennen, wo ich selbst Salz in die Wunder gestreut habe:

Habe ich eine weitere Eskalationsstufe ausgelöst? Kann ich dafür sorgen, dass wir de-eskalieren, uns beruhigen? Kann ich dem/der anderen helfen, ebenfalls den eigenen Anteil im Konflikt zu entdecken?

Es wirkt Wunder, wenn Sie in ihrem Konflikt mit Fürsorge auf alle Konfliktparteien eingehen. Das klappt auch ganz gut, wenn Sie selbst erst einmal ein paar Mal durchatmen, sich vielleicht respektvoll für 15min – mit dem Versprechen wieder zu kommen – zurückziehen und dann innerlich beruhigt und fürsorglich wieder in den Dialog treten.

Es ist wichtig, bei seelischer und körperlicher Gewalt die Täter und Opfer zu benennen. Die Verantwortung für die Wut, die durch eine massive Grenzüberschreitung im anderen entsteht, soll der Täter tragen.

Zudem ist es wichtig, sich nicht manipulieren zu lassen: Nein, es sind nicht immer zwei für einen Streit verantwortlich! Gerne reden Täter ihren Opfern eine Mit- oder sogar Hauptverantwortung ein. Bei Menschen, die manipulativ und destruktiv streiten, ist also immer Vorsicht angebracht!

Siehe auch: Umgang mit schwierigen Menschen und Strategien

3. Die Untersuchung der eigenen Wut

Doch manchmal begleitet uns die Wut eine lange Zeit und durchatmen bringt nichts. Wenn dies gerade bei Ihnen der Fall ist, lade ich Sie dazu ein, Ihre Wut, wie folgt, unter die Lupe zu nehmen.

3.1. Benennen der eigenen Wut
Die Suche nach der Botschaft meiner Wut beginne ich, indem ich zunächst nur für mich schamlos und vorwurfsvoll beginne, meine Wut zu beschreiben. Ich zähle auf, was mich wütend macht. In diesem wütenden Zustand ist alles noch blockiert und eine Lösung scheint schier unmöglich.
 
3.2. Verletzung
Irgendwann gelange ich zur Erkenntnis, dass das, was du mir angetan hast und was mich so wütend macht, tief in mir ist: Ich bin verletzt. Es lohnt sich, jetzt einfach mal in diese Verletzung zu blicken – ohne zu denken. Was fühle ich? Ich fühle mich ohnmächtig, ängstlich, einsam, missverstanden, verwirrt, aufgerieben, ungeliebt, bedroht...
 
3.3. Hoffnung auf eine Entschuldigung

Möglicherweise möchte ich dir sagen, dass ich verletzt bin. Ich zeige dir meine Wut, in der Hoffnung, dass du meine Verletzung siehst und mich um Vergebung bittest. Vielleicht tust du es, vielleicht nicht ehrlich, vielleicht niemals. Jetzt ist vieles möglich:

  • Ich erhalte deine Entschuldigung und wir können gemeinsam de-eskalieren, durchatmen, betrachten, wie das alles passieren konnte, einander verstehen und zusammen Lösungen für eine friedliche Zukunft ausdenken. Wir finden wieder zueinander.
  • Ich will deine Entschuldigung haben, und damit fühle ich mich noch abhängiger von dir: Ich kämpfe noch wütender. Du gehst in den Widerstand.
  • Ich spüre, dass, wann immer ich eine Entschuldigung von dir einfordere, meine Wunde noch mehr geöffnet wird. Warte ich auf eine Entschuldigung, die du nicht geben kannst?
  • Solange ich eine Entschuldigung von dir einfordere, werde ich dir nicht zuhören, um dich zu verstehen.
  • Vielleicht erkenne ich langsam sogar, dass ich dir nicht vergeben will.

Ich bin wütend auf dich, weil:

du andere bevorzugst; weil du etwas, das mir wichtig war, für immer zerstört hast; weil du glaubst, besser zu sein als ich; weil ich dir ausgeliefert bin; weil du meine Seele, meinen Geist, meinen Körper verletzt; weil du mich abweist und ablehnst; weil du mich abwertest; ausbeutest; bekämpfst; belügst; beneidest; beschimpfst; bestiehlst; betrügst; einsperrst; enttäuscht; erniedrigst; für unwichtig hältst; isolierst; im Stich lässt; manipulierst; missbrauchst; nicht beschützt; nicht ernst nimmst; nicht liebst; nicht respektierst; nicht sein lässt; nicht sprechen lässt; weil du mich nicht verstehst; nicht verteidigst und beschützt; nie lobst; übergehst; unter Druck setzt; verachtest; verleugnest; weg geworfen hast; mir Angst machst; weil du mir einen Spiegel vor die Nase setzt; weil du mir einredest, ich sei Schuld an deinem Fehlverhalten; weil du mir keine Aufmerksamkeit gibst; weil du mich nicht sprechen lässt; weil du mir meine Freiheit nimmst; weil du mir nicht aus dem Kopf gehst, obwohl sich unsere Wege schon längst getrennt haben; weil du mir nichts gönnst; nie zuhörst; weil du mir so viel genommen hast; mir zeigst, dass ich dir machtlos ausgeliefert bin; nicht an mich glaubst; nicht tust oder sagst, worum ich dich gebeten habe; nicht zu mir stehst; weil du Salz in meine Wunden streust...
3.4. Reaktion

Ich bin wütend, weil du meine Grenzen (immer wieder) überschreitest und ich nicht weiß, wie ich das verhindern soll. Ich bin wütend, weil ich mich ohnmächtig und ausgeliefert fühle. Deshalb werde ich:

  • dich bekämpfen und dich so lange deiner Fehler beschuldigen, bis die Ordnung wieder hergestellt ist. Ich werde es dir zeigen! (Kampf)
  • so tun, ob nichts wäre und meine Wut schlucken, die Wut gegen mich richten und alles, was von dir kommt, erdulden! (Erstarrung)
  • flüchten, dich schmollend meiden und hinter deinem Rücken alle vor dir warnen! (Flucht)

Wenn wir nicht gemeinsam de-eskalieren können, wächst die Wut und die Verzweiflung in mir. Ich gerate immer mehr in Not und versinke noch stärker in eine der drei Reaktionsmöglichkeiten: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Diese lassen sich jedoch in konstruktive und kooperative Reaktionen umwandeln.

1. Kampf oder fürsorgliche Konfrontation

Das Gute am Kampf ist, dass ich dabei für meine Bedürfnisse aufkomme: Ich übernehme Eigenverantwortung und verteidige mich. Wichtig ist hierbei, dass ich kämpfe, ohne dich zu verletzten und ohne mit dir eine Eskalationsstufe höher zu steigen. Dies gelingt, wenn ich – trotz allem – das Gespräch mit dir suche, um in Fürsorge für uns beide an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten. Dies bedeutet also: durchatmen und dann ehrlich auf den Tisch legen, was mich wütend macht. Ich spreche jedoch so darüber, dass du dich sicher fühlst und es von mir annehmen kannst. Meine Wut löst sich langsam auf, wenn ich mich durch dich verstanden fühle.

2. Erstarrung oder Empfangen und Zuhören

Das Gute an der Erstarrung ist, dass sie wie eine Handbremse funktioniert. Ich bleibe erst einmal stehen, gehe nicht vor und nicht zurück. Es lohnt sich, aus diesem Stillstand heraus eine echte Passivität zu entwickeln: Passiv sein meint nämlich nicht mauern und dichtmachen, sondern empfangen. Ich gebe dir Raum und höre einfach mal zu. Es kann sich mein ganzes Bild vom Konflikt verändern und sich meine Wut und Angst völlig auflösen, sobald ich dir zuhöre und dich verstehe.  

3. Flucht oder respektvoller Rückzug

Das Gute an der Flucht ist, dass sie uns aus nicht lösbaren Situationen rettet. Beim respektvollen Rückzug erkenne ich, dass ich im Dialog mit dir – entweder durch fürsorgliche Konfrontation oder durch Empfangen und Zuhören – nichts mehr erreichen werde. Vielleicht ziehe ich mich kurzfristig zurück, um mich in einen Zustand zu bringen, in dem ich wieder mit dir in den Dialog treten kann. Es kann aber auch sein, dass ich mich für immer von dir zurückziehe, wenn ich alles mir mögliche getan habe und wenn ich weiß, dass wir es nicht mehr gemeinsam lösen können.

Jeder von uns hat eine besondere Vorliebe für eine der drei Reaktionsmöglichkeiten. In der Regel lohnt es sich, alle drei abwechselnd anzuwenden:

Ich drücke fürsorglich aus, was mich belastet. Ich höre dir zu und versuche deine Position aufzunehmen. Ich ziehe mich zurück, wenn unser Dialog gerade nicht möglich ist, um innerlich beruhigt wieder auf dich zu zugehen.

Gewiss ist es besonders frustrierend, wenn sich der Konflikt trotz allem nicht lösen lässt und ein bleibender Rückzug als einziges übrigbleibt: Trennung. Hier ist es wichtig, keine verbrannte Erde zu hinterlassen, sondern respektvoll auseinander zu gehen. Doch Rückzug bedeutet auch, neue Wege zu gehen und manchmal sogar ein neues Lebenskapitel aufzuschlagen. Rückzug wird schwierig, wenn der andere einen Großteil meiner Identität bestimmt: denn wer bin ich ohne dich und ohne unseren Konflikt? Es braucht also den Mut, sich vom bekannten Übel zu lösen sich ins unbekannte neue Leben zu wagen, ohne zu wissen, ob es in der Zukunft besser wird. Hier ist also Loslassen und Abgrenzen angesagt.

Wenn es mir bis jetzt durch die drei positiven Reaktionsmöglichkeiten noch immer nicht gelungen ist, meine Wut loszulassen, ist es hilfreich, die Wut weiter zu untersuchen.

3.5. Eigenverantwortung für die Wunde & Trauer
Vermutlich erkenne ich langsam, dass es um eine Wunde tief in mir geht, die du nicht heilen kannst, sondern nur ich. Egal, ob du Verantwortung für meine Wunde trägst oder nicht, nur ich kann meine Wunde heilen. 

Ich lasse die Schuldfrage zurück und beginne zu trauern. Ich gehe in meinen Schmerz, der berechtigt oder unberechtigt ist. Ich spüre die Angst vor neuen Verletzungen. Ich befürchte, mich oder das, was mir wichtig ist, nicht beschützen zu können. Ich erkenne, dass meine Wut auf etwas in mir oder in meinem Leben zeigt, das des Beschützens würdig ist.

3.6. Das Schutzbedürftige
Was also ist die Botschaft meiner Wut?

Etwas in meinem Leben stimmt nicht und bedeutet Gefahr für mich. Wut ist eine Kraft, die mir hilft zu beschützen – mich, andere, etwas. Was möchte ich beschützen? Meine Seele? Meine Bedürfnisse? Meine Familie? Meine Kultur? Meinen Glauben? Die Natur? Die Wahrheit? Ich werde nur wütend beschützen, was mir wichtig ist und was ich wertschätze.

Die Auflösung der Wut findet dann statt, wenn ich ihre Botschaft gehört habe und wenn ich wieder handlungsfähig bin:

Wie soll ich das Wertvolle, das in Gefahr ist, beschützen?

Ich kann es beschützen, indem ich (1) dich fürsorglich konfrontiere und aufzeige, was mich verletzt, (2) da bleibe, empfange und dir zuhöre, (3) meine Grenzen klar abstecke und mich bewusst (für immer) zurückziehe, weil ein weiterer gemeinsamer Weg (momentan) zwecklos ist.

Wenn ich jetzt immer noch wütend bin, drehe ich solange Schleifen zwischen der Erforschung meiner Wut und den drei positiven Reaktionsmöglichkeiten, bis ich die Botschaft der Wut kenne und die Lösung fruchtet. 

4. Vergebung und Gelassenheit

Im Loslassen der Wut zeigt sich mir jetzt auch der Weg zur Vergebung. Ich gebe ab: Ich gebe die Schuldfrage ab. Ich gebe die Erwartung an eine Entschuldigung ab. Ich lasse den Wunsch nach Vergeltung los, weil ich erkenne, dass sie die alte Ordnung nicht wieder herstellen wird, sondern die Wunde nur aufreisst. Ich nehme auch an: die Eigenverantwortung für die Wundheilung und für meine Reaktionen.

Ich löse mich aus der Ohnmacht, indem ich in Handlung trete: fürsorgliche Konfrontation, Empfangen sowie Zuhören und respektvoller Rückzug.

Ich gebe meine Wut ab, weil ich ihre Botschaft höre und jetzt weiß, worum es wirklich geht: meine Wunde zu erkennen, um das Für-Immer-Verlorene zu trauern, das Schutzbedürftige zu wertschätzen und es in der Zukunft zu beschützen. 

Ich spüre, dass ich die Wut losgelassen habe, sobald ich ihre Botschaft gehört habe. Ich blicke in die Zukunft und weiß jetzt, worauf es ankommt und was es zu beschützen gilt. Ich weiß jetzt, was ich tun kann. Ich kann mich einer Situation entziehen oder ich kann dafür sorgen (ev. mit den anderen zusammen), dass das Gefühl der Sicherheit wieder zurückkehrt. Meine Ohnmacht ist weg. Durch meine Wut finde ich zum Frieden.

Hier endet die Untersuchung der eignen Wut.

Die Botschaft der Wut lässt sich gut erfragen:

Was möchte ich beschützen, wenn ich wütend bin?

Diese Frage durchbricht die Mauer der Scham, weil ich erkenne, dass die Wut in mir nur Alarm schlägt, um das Wertvolle zu beschützen. Meine Wut ist ein Schutzmechanismus. So zeigt mir meine Wut, was mir im Leben wirklich wichtig ist und damit auch, wer ich bin.

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